Wie beeinflusst die Nutzung von Mobiltelefonen unser Sozialverhalten?

Als Graham Bell am 14. Februar 1876 mit dem Patent eines "Fernsprechapparates" die Erfindung seines Lebens gelang, ahnte er wahrscheinlich nicht, dass er damit Geschichte schreiben würde. Heute ist ein Leben ohne Telekommunikation kaum noch vorstellbar. Auch der Mobilfunk ist Teil des Alltags geworden und beeinflusst damit das soziale Verhalten der Menschen.

Die mobile Kommunikation hat das Leben von Millionen Menschen vor allem in einem Punkt entscheidend verändert: Wer ein Handy nutzt, ist praktisch überall erreichbar und kann jederzeit mit den Menschen Kontakt aufnehmen, die ihm wichtig sind. Das beeinflusst nicht nur die Art und Weise, wie Menschen miteinander kommunizieren, sondern auch ihr soziales Verhalten. So hat das Handy im Umgang mit Freunden, Verwandten und Bekannten einen neuen Grad an Flexibilität und manchmal sogar Unverbindlichkeit eingeführt. Anstatt sich gleich an einem Ort zu einer bestimmten Zeit zu verabreden, wird heute oft zunächst erst einmal ein Termin vereinbart und Ort bzw. Zeitpunkt erst später - wiederum per Handy - festgelegt. Während früher Verabredungen einmal getroffen und in der Regel auch eingehalten wurden, ist heute die persönliche und berufliche Zeitplanung immer neuen Verhandlungen, Vereinbarungen und Umdisponierungen unterworfen. Treffen finden oft unter Vorbehalt statt. Das Handy dient dazu, den Kontakt aufrechtzuerhalten, ohne jedoch die eigene Entscheidungsfreiheit aufgeben und sich zu sehr verpflichten zu müssen.

Leben mit digitalen Medien

Im Zeitalter digitaler Medien zeigt sich: Kinder und Jugendliche kommunizieren heute anders als die Generationen vor ihnen. Faktoren wie Unabhängigkeit, Offenheit, Toleranz, Meinungsfreiheit und Unmittelbarkeit kennzeichnen ihre Lebenskultur. Trendforscher Horst W. Opaschowski: "Die globale Kommunikation ist vorurteilsfrei. Unterschiede wie jung/alt, arm/reich oder gesund/behindert verlieren an Bedeutung und werden in ihrer Andersartigkeit akzeptiert. Die junge mobile Generation legt großen Wert auf den unzensierten Zugang zur Internetkultur und sie sieht die Möglichkeit, eigene Ansichten auszudrücken, geradezu als Grundrecht an. Im Computerzeitalter erfolgen die persönlichen Reaktionen, zum Beispiel beim Chatten, unmittelbar. Die Generation@ lebt in einer Live-Welt, in der alles sofort erledigt wird." Was für die Welt des Internets gilt, lässt sich auch auf den Mobilfunk übertragen.

Der "Martini Benefit"

Während Kommunikation früher physische Nähe bedingte und räumliche Unbewegtheit – wer via Festnetz telefonieren wollte, musste sich schon dorthin begeben, wo der Apparat stand –, hat spätestens der Mobilfunk den Menschen von diesen Zwängen entbunden. Wer telefonieren möchte, kann dies mit dem Handy überall und jederzeit tun. Nach Ansicht des Schweizer Soziologen Hans Geser hat das Handy ein Grundprinzip der kulturellen Evolution durchbrochen, indem es den Zusammenhang von Nähe, Unbeweglichkeit und Kommunikation aufhob. Als "nomadische Intimität" bezeichnet die italienische Soziologin Leopoldina Fortunati den Effekt, Beziehungen auch angesichts großer Beweglichkeit weiter zu pflegen. Selbst während des Einkaufs oder der Fahrt zum Konzert kann sich der Handy-Nutzer schnell bei Freunden und Familienmitgliedern in Erinnerung rufen – dabei muss es sich nicht immer gleich um tief schürfende Gespräche handeln. Manchmal reicht es auch schon aus, lediglich den neuesten Klatsch auszutauschen, in der Wissenschaft auch "Martini Benefit" genannt.

Handy - Lust oder Last?

Der Mobilfunk bedeutet damit einen deutlichen Zugewinn an Freiheit und Spontanität. Ständig und überall erreichbar zu sein, kann Segen und Fluch zugleich bedeuten. Wer sich in die Öffentlichkeit begibt, ist - ob er will oder nicht - der Situation ausgesetzt, zum unfreiwilligen Zeugen privater wie geschäftlicher Gespräche zu werden. Dadurch hat das Mobiltelefon auch als Statussymbol Bedeutung. Wer mobil telefoniert, vermittelt seinen Mitmenschen die Botschaft: Ich bin integriert, habe soziale Kontakt und bin ein aktives Mitglied der Gesellschaft. Darüber hinaus bietet das Handy Identifikationsfläche. Das eigene Mobiltelefon kann mit Hilfe von Klingeltönen, speziellen Display-Anzeigen und Accessoires individuell gestaltet werden und Ausdruck der eigenen Persönlichkeit sein.